Andacht für die Woche vom 2. bis 8. August

Sonne der Gerechtigkeit
Evangelisches Gesangbuch Nr. 262; Orgel und Gesang: KMD Ingrid Kasper

Predigt zum Sonntag, 2. August, über Johannes 9, 1-7
von Pfarrer Hans-Helmuth Schneider

Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder. (Johannes 9, 1-7)


Liebe Gemeinde,
das Johannesevangelium ist ein sehr nachdenkliches und sehr meditatives Buch. Es geht in ihm ständig um die Frage, wie man Jesus richtig verstehen kann und wie man ihn falsch verstehen kann. So ist es auch hier. Eigentlich geht dieser Text noch weiter über den Predigtabschnitt hinaus. Es entsteht nämlich noch eine lange und kontroverse Diskussion darüber, ob Jesus diesen Blinden geheilt hat, weil er von Gott kommt, oder ob er ein Sünder und Betrüger ist.
Johannes stellt Jesus immer als den dar, der von Gott zu uns Menschen gekommen ist. So ist es auch hier. Er ist zum Beispiel das Licht der Welt. Mit solchen Symbolen spielt Johannes gerne. Und wie kann Jesus besser zeigen, dass der das Licht der Welt ist, als indem er es möglich macht, dass jemand, der noch nie das Licht gesehen hat, nun sehend wird? Und wie kann Johannes das deutlicher machen als dadurch, dass er sagt: Der Blinde war schon von Geburt an blind? So vermischen sich in dieser Geschichte die Ereignisse und die Symbole. Aber die Aussage ist klar: Jesus ist gekommen, um die Welt aus ihrer Blindheit zu holen, um den Menschen das Licht Gottes zu bringen, und dafür ist diese Heilung des Blinden ein Beispiel.
Und anhand dieser Geschichte geht es gleich um zwei Missverständnisse, um zwei Arten, wie man falsch über Gott oder über Jesus denken kann. Und zu denen möchte ich nun etwas sagen.
Das erste ist, und das steht in der Geschichte direkt drin und über diesen Abschnitt stolpert man: Als die Jünger den Blindgeborenen sehen, fragen sie, ob diese Blindheit eine Strafe ist - für seine eigenen Sünden (dann wäre sie sozusagen im Voraus verhängt worden, denn er ist ja schon so geboren) oder für die seiner Eltern (dann wäre sie sozusagen im Nachhinein verhängt worden für die Sünden, die seine Eltern früher begangen hätten). So denken die Menschen gern. So dachten auch die Juden damals. Es muss doch immer jemand an allem schuld sein. Das ist sozusagen eine religiöse Verschwörungstheorie der damaligen Zeit, oder nicht nur der damaligen: Für das, was man sieht, erfindet man eine fiktive Ursache, und schon ist die Welt in Ordnung, denn jetzt hat man eine Erklärung, und die lautet: Der hat das ja nicht anders verdient.
Aber Jesus lehnt dieses Denken ab. Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sagt er. Das ist falsch gedacht, das ist auch über Gott letztlich so falsch gedacht, dass man darüber gar nicht weiter zu reden braucht. Sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Denn so lange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Was soll das heißen?
Gerade noch hat Jesus abgelehnt, dass man über eine Ursache für diese Blindheit spekulieren soll. Dann sagt er: Sondern es sollen die Werke Gotte offenbar werden an ihm. Das ist jetzt nicht so gemeint, dass es eine alternative Erklärung sein soll, die dann bedeuten würde: Sondern Gott hat ihn blind gemacht, damit ich ihn jetzt heilen kann. Nein. Alles, was Jesus meint, ist: Statt Ursachen bei irgendwelchen Sünden zu suchen, die es vermutlich gar nicht gegeben hat, sollte man lieber darauf achten, dass sich hier eine große Gelegenheit auftut, wie Jesus demonstrieren kann, dass er das Licht der Welt ist. Das ist es, was gerade auch an diesem Menschen offenbar werden kann, von dem sonst niemand mehr etwas erwartet. Jesus denkt hier nicht über mögliche Ursachen nach, sondern über die Möglichkeiten, die sich aus der Situation ergeben, über die Möglichkeiten, wie Gott hier etwas Gutes tun kann durch ihn.
Es ist in der Tat so, dass wir im Neuen Testament keine Antwort finden auf die Frage, warum etwas Böses so ist, wie es ist. Das Neue Testament redet nicht von Strafen Gottes, sondern wenn das Thema darauf kommt, dann wird dieser Gedanke verworfen - wie wie hier, und wie es auch schon im Buch Hiob im Alten Testament der Fall war. Insofern sollten wir auch über die Corona-Pandemie nicht in solchen Kategorien denken. Sie ist da, und die Frage, die sich daraus ergibt, ist nicht: Warum lässt Gott den oder den krank werden?, sondern: Wie gehen wir damit um? Und die ersten und besten Antworten sind: Indem wir uns selbst und andere so gut wie möglich schützen nach den Regeln, die wir mittlerweile gelernt haben, und alle medizinischen Möglichkeiten nutzen, die wir haben.
An diese Geschichte von der Heilung eines Blinden schließt sich, ich sagte es schon, noch eine Diskussion an. In dieser geht es ebenfalls um die Art, wie man Jesus verstehen kann. Und es entstehen zwei Lager. Das eine sagt: Dieser Jesus hat schon so viel gegen die Gesetze von Moses verstoßen, der ist ein Sünder, der kann nicht von Gott kommen. Also muss bei dieser Geschichte von der Heilung irgendetwas nicht stimmen. Das andere Lager sagt: Wenn Jesus nicht von Gott kommen würde, und wenn er tatsächlich ein solcher Sünder wäre, dann könnte er nicht solche Taten vollbringen wie einen Menschen zu heilen, der schon von Geburt an blind war.
Dazu kann man sagen: Beide Lager haben ein Argument auf ihrer Seite. Aber vielleicht ist das gar nicht das Entscheidende. Denn Jesus hat gerade einen Blinden geheilt. Man fragt sich: Was muss denn noch passieren, damit diejenigen, die nicht an ihn glauben wollen, davon überzeugt werden, dass er von Gott kommt? Wenn nicht einmal das reicht, was reicht denn dann? Die Antwort ist: Möglicherweise reicht überhaupt nichts. Kein Argument der Welt reicht bei manchen Menschen aus. Und haben - andererseits - diejenigen, die an ihn glauben, deswegen geglaubt, weil sie ein Argument dafür hatten? Ich weiß es nicht. Ich denke mir fast: Wahrscheinlicher ist es, dass Jesus sie irgendwie anders angerührt hat, irgendwie in ihrem Inneren überzeugt hat. Irgendwie haben sie gemerkt, gesehen, gespürt, dass da mit Jesus nicht nur eine Macht, sondern auch und gerade eine Liebe unterwegs ist, die über alles hinausgeht, was man sonst unter den Menschen findet. Dass hier eine Liebe unterwegs zu uns Menschen ist, die die Welt wirklich überwinden kann. Die größer ist als Blindheit und Dunkelheit.
Wenn wir selber Argumente haben für unseren Glauben, dann ist das sicher gut. Aber für den Fall, dass sie uns ausgehen: Dann sollen wir wissen, dass Jesus und seine Liebe nicht von ihnen abhängig sind, sondern dass er für uns da ist und größer ist als alles, was wir selber zum Glauben an ihn beitragen können. So, in diese Richtung, hat Johannes hier gedacht. So ist es vielleicht ja auch tatsächlich gemeint mit Jesus.
Amen

Fanfare
von Malcolm Archer; Orgel: KMD Ingrid Kasper

Die Kollekte am Sonntag, 2. August, ist zur Hälfte für die diakonische Arbeit in unserer innerdeutschen lutherischen Partnerkirche in Mecklenburg-Vorpommern und zur Hälfte für die unsere eigene Gemeinde bestimmt; wenn Sie dafür spenden möchten, nutzen Sie bitte das Konto der Kirchengemeinde (siehe hier, links unten) und nennen Sie die Diakonie Mecklenburg und/oder die Kirchengemeinde als Spendenzweck. Vielen Dank dafür!