Wochenandacht

für die Woche vom 11. bis zum 17. Oktober


Predigt am Sonntag, 11. Oktober, über Epheser 4, 22-32,
von Pfarrer Hans-Helmuth Schneider


Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel. Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören. Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Liebe Gemeinde,

manchmal würde ich mir wünschen, die Welt wäre etwas übersichtlicher. Es geht ja nun schon einige Jahre so, dass man meint, das Durcheinander wird immer größer und viele Entwicklungen laufen nicht gerade in die richtige Richtung.

Aber dann frage ich mich manchmal auch, ob die Welt nicht schon immer so war, oder meistens, oder ob die Menschen nicht schon immer so waren und wir vielleicht trotzdem das Glück hatten, eine lange gute Zeit zu erleben, die nun langsam zu Ende geht und wieder von einer durchschnittlichen oder mäßigeren Zeit abgelöst wird. Wenn man, nur zum Beispiel, das Durcheinander der internationalen Politik anschaut – war das im 19. Jahrhundert eigentlich weniger? War das damals einfacher? Vielleicht kann man so etwas nicht direkt vergleichen. Aber ich vermute, dass es auch damals schon das Gefühl gegeben hat, dass Vieles schwierig und unübersichtlich ist.

Wie dem auch sei. Was heute einigermaßen deutlich zu sein scheint, ist, dass eine Reihe von Verhaltensweisen, die man früher für selbstverständlich gehalten hat, es nicht mehr sind. Im Umgang miteinander hat sich da etwas verändert. Erst im Internet, in den sogenannten sozialen Medien, und inzwischen immer wieder auch in äußeren Wirklichkeit. Ob es nun Politiker oder Prominente sind, die lügen oder betrügen oder andere beleidigen oder herumschreien oder man das bei Leuten im Privatleben erlebt – das scheint heute ein Ausweis von Qualität geworden zu sein anstatt ein Grund zur Vorsicht. Die Aufmerksamkeit ist einem sicher.

Ich will nun aber aufhören zu lamentieren. Wir haben heute einen Predigttext, der nahezu ausschließlich aus Ermahnungen zum guten Verhalten besteht. Solche Aufzählungen gibt es in vielen Briefen im Neuen Testament. Kann sein, dass es konkrete Anlässe gab dafür, kann sein, dass sie allgemein als richtig angesehen wurden. Aber ein solcher Text löst in der Regel erst einmal eine gewisse Langeweile bei uns aus. Lügt nicht, stehlt nicht, redet nicht schlecht über andere, tut Gutes und sündigt nicht und so weiter. Was soll den daran Besonderes sein?

Und das ist möglicherweise bereits das Wichtige: Natürlich ist daran erst einmal nichts Besonderes. So ist es ja richtig. Sollte man meinen. Es ist geradezu eine gute Sache, dass sich das erst einmal langweilig anhört. Denn das bedeutet: Für uns als Christen ist das doch nichts Neues. Für uns als Christen sind das Selbstverständlichkeiten. Nicht, dass wir immer so gut wären und moralische Heldinnen und Helden in allen Dingen. Aber wir wissen es doch und halten es eben nicht für falsch, was da steht. Und darum bringt uns ein solcher Text keine bahnbrechenden Neuigkeiten, wenn wir ihm einmal wieder begegnen.

Ich finde geradezu: Zum Glück ist das so. Aber warum stehen solche Sachen dann überhaupt in den Briefen im Neuen Testament? Die einfache Antwort ist: Weil die Briefe zu einer Zeit geschrieben wurden, als das Christentum noch etwas ziemlich Neues war. Weil die Briefe zu einer Zeit geschrieben wurden, in der diejenigen, die sie gelesen haben, noch keine lange christliche Tradition hinter sich hatten. Manche gab es, die waren schon 10 oder 20 Jahre lang dabei, andere aber waren noch neu und erst in den letzten Wochen oder den letzten zwei, drei Jahren dazugekommen. Und eigentlich alle hatten eine Zeit im Leben hinter sich, in der sie noch keine Christen gewesen waren und vom Christentum wohl auch gar nichts gewusst hatten.

Und darauf zielen diese Briefe in ihren ermahnenden Teilen. Sie sagen: Ihr wisst, dass man auch ganz anders leben kann. Ihr wart alle schon einmal selber Teil eines ganz anderen moralischen und weltanschaulichen Universums. Einer Welt in der ganz andere Werte und Ideale galten. Und um euch herum gibt es das auch immer noch. Aber Ihr seid jetzt Christen. Ihr habt jetzt etwas davon verstanden, was Gott für Euch getan hat. Und darum, einfach darum, weil Gott Euch so gut behandelt, weil Gott Euch so sehr liebt, wie es auf der Welt leider nicht selbstverständlich ist, darum lebt auch ihr so, dass Ihr davon etwas ausstrahlen lasst, dass ihr davon etwas weitergebt. Darin könnt Ihr Euch gerne auch von manchen anderen Leuten unterscheiden.

 

Könnte es sein, dass wir so etwas Ähnliches heute wieder erleben? Wir selbst waren in unserem Leben wahrscheinlich früher keine Anhänger anderer Religionen und Weltanschauungen, sondern sind von Anfang an mit dem Christentum aufgewachsen. Und je nach Alter vielleicht auch in einer Zeit, in der Vieles, was im Christentum als selbstverständlich gilt, eben auch in unserer Gesellschaft als normal und richtig angesehen wurde. Und was inzwischen um uns herum geschieht oder für normal gehalten wird – für uns gibt es Dinge, die bleiben richtig, so, wie sie es vorher auch schon waren. Stehlen bleibt falsch, Lügen auch, auch wenn es anderswo inzwischen belohnt und gefeiert werden mag. Andere Menschen oder überhaupt alles schlechtzureden bleibt falsch, vielleicht noch im Rahmen extremistischer Ansichten, die ja in der Regel ebenfalls falsch sind;  Böses zu tun bleibt falsch, anderen Gutes zu tun oder anderen zu vergeben hingegen bleibt richtig, auch wenn anderswo gesagt werden mag, dass man hassen und verachten soll, dass man sich rächen soll oder Menschen nach einem Fehler nie einen neuen Anfang erlauben kann.

Warum aber? Warum aber sollen wir Christen auch christlich handeln? Weil die Kirchenleute es sagen? Nein, das ist es nicht. Die brauchen genau die selben Ermahnungen wie alle anderen. Nein, der Grund ist ein anderer. Und der Grund wird in diesem Predigttext genannt, gleich mehrfach wird darauf hingewiesen, wenn auch nur kurz.

Da heißt es zum einen im letzten Satz: Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus. Da haben wir den Grund: Weil auch Gott uns vergeben hat in Christus. Weil Gott es ist, der angefangen hat, uns Menschen Gutes zu tun. Er hat uns angenommen. Er hat uns unsere Schuld verziehen. Er hört nie auf damit, uns einen neuen Anfang zu schenken. Er hat uns durch Jesus Christus ermöglicht, zu ihm zu kommen, weil er uns über alles liebt.

Oder ein anderer Satz lautet: . Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. Was immer es bedeuten mag, den Heiligen Geist zu betrüben – vielleicht, indem man sich über den Glauben lustig macht? Aber was immer es bedeuten mag, auch hier geht es darum, dass Gott uns schon zuvorgekommen ist: Wir sind bereits versiegelt mit dem Heiligen Geist für den Tag der Erlösung. Anders gesagt: Weil Gott euch in der Taufe angenommen hat als seine Kinder, die zu ihm gehören.

Christliches oder moralisches Handeln ist nichts, wozu wir uns zwingen müssten. Christliches oder moralisches Handeln geschieht auch nicht aus Rechthaberei. Es bedeutet auch keine Selbsterhöhung über andere, denn Sünder wie die anderen sind wir ja auch. Und es ist auch nicht gesagt, dass man davon im Leben immer nur Vorteile haben wird. Gut möglich, dass man auch einmal schlechter wegkommt als jemand anderes oder für dumm gehalten wird. Aber christliches Handeln hat seinen Grund eben nicht einfach in dieser Welt, sondern darin, dass Gott uns von jeher geliebt hat, dass Gott in Jesus Christus für uns immer schon alles getan hat und dass Gott uns in der Taufe zu seinen Kindern gemacht hat. Diese Dinge bleiben bestehen, auch wenn sich auf der Welt viele Dinge ändern mögen. Diese Dinge bleiben sogar bestehen bis in die Ewigkeit, denn bei diesen Dingen haben wir es mit Gott selber zu tun und nicht mehr mit der Vergänglichkeit dieser Welt. Und das ist es auch, was Gott der Welt durch uns zeigen will: dass seine Liebe in Ewigkeit bestehen bleibt, zu uns und auch zu den anderen Menschen, die ihn noch nicht verstanden haben.

Amen