Wochenandacht

für die Woche vom 21. bis zum 27. Juni


Predigt am Sonntag, 21. Juni, über Micha 7, 18-20, und zur Eröffnung der Ausstellung mit Bildern von Benedikt Werner Traut von Pfr. Hans-Helmuth Schneider


Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

Liebe Gemeinde,

Sünde und Vergebung sind Themen der Religion und sie sind ernste Themen. Auch von Zorn und Gnade ist hier die Rede, ebenfalls ernste Themen. Dass Religion und Glaube auch heiter und lustig sein können, das ist bestimmt so, aber das steht nicht so oft im Vordergrund. Denn Religion muss in erster Linie zu den ernsten Themen des Lebens etwas zu sagen haben. Sonst braucht man sie eigentlich gar nicht.

Wobei wir vom Zorn Gottes in der Kirche eigentlich gar nicht mehr reden. Das kommt daher, dass das Neue Testament diese Vorstellung verändert hat. In den alten Zeiten dachte man, dass es eine Erklärung für Unglück und Leiden, für Krankheit und Tod wäre, dass Gott dann eben zornig ist. Aber schon das Buch Hiob im Alten Testament sagt: So ist es nicht. Und Jesus sagt es auch.

Dennoch: Wie ernst die Themen sind, zum Beispiel Schuld und Vergebung, das merkt man schnell, wenn man selber einmal schuldig geworden ist. Es ist gleich, ob man mit Absicht oder völlig ohne Absicht schuldig geworden ist, man hat jedenfalls ziemlich damit zu tun.

Auch die Bilder von Benedikt Werner Traut sind ernste Bilder. Er muss ein Mensch gewesen sein, der um den Ernst der Religion wusste. Dass die Bilder ernst wirken, liegt am ehesten an den Farben. Das sind nicht die Farben des Frühlings, sondern des Herbstes, die Farben der fallenden Blätter, die Farben einer Zeit, wenn das Licht langsam weniger wird. Wobei sie doch  warm sind und die Bilder gerade nicht Verzweiflung und Angst ausdrücken, sondern eben: eine irgendwie positive Art von Ernst. 

Und die Bilder enthalten nichts, was wir so einfach erkennen und interpretieren könnten – die meisten jedenfalls. Hier geht es nicht um Dinge des Alltags, um Sachen, die so und so aussehen, dass man sie abmalen kann. Hier geht es um Erfahrungen, wie sie der Alltag nicht bietet. Man tritt heraus aus dieser Welt, wenn man diese Bilder anschaut. Benedikt Werner Traut hat sie oft „Meditationsbilder“ genannt. Das sind Bilder für besondere Momente. Bilder, die etwas mit dem Inneren des Menschen zu tun haben, nicht Bilder von äußerlichen Dingen. Im Idealfall erschließt sich eine Art innerer Raum, wenn man sie betrachtet. Die Religion ist da mit dabei, auch wenn man direkte religiöse Inhalte nicht sehen kann.

Denn die Bilder sollen in der Regel keine Symbole darstellen. Nur sehr wenige sind symbolisch. Sondern hier geht es um Dinge, die man nicht einfach mit der Sprache beschreiben kann. Hier geht es um Dinge, die man nicht einfach erklären kann. Hier geht es stattdessen um Erfahrungen, die man eben dann macht, wenn man ein solches Bild anschaut. Alle abstrakten Maler, von Wassili Kandinsky bis zu den abstrakten Expressionisten wie Mark Rothko, haben so gedacht: Abstrakt zu malen bedeutet, etwas auszudrücken, was man nicht einfach so beschreiben kann. Etwas Geistiges zum Beispiel. Etwas Emotionales zum Beispiel. Etwas Höheres als die Welt zum Beispiel. Deswegen hat abstrakte Malerei immer auch eine metaphysische Komponente oder eine religiöse. Weil sie etwas zeigt, was man nicht einfach sagen kann. Und genau genommen sogar: Weil sie etwas zeigt, was man auch nicht einfach malen oder bildlich darstellen kann, was man nicht einfach sehen kann. Weil es sich eben um kein materielles Ding in dieser Welt handelt.

 

Ich haben vor Jahrzehnten einmal Folgendes erlebt: In irgendeinem Museum, ich glaube, es war das Centre Pompidou in Paris, stand ich vor einem Bild von Yves Klein. Das Bild war etwa so groß wie ein Garderobenspiegel und es zeigte einfach eine gleichmäßige blaue Fläche. Yves Klein hat immer wieder ein besonders schönes und leuchtendes Blau verwendet, so war es auch hier. Aber außer Blau war da nichts. Das Bild hieß „Monochrom Blau“. Und man könnte sich fragen, ob man das eigentlich als Bild bezeichnen sollte, denn zu sehen war da nichts – außer diesem einen Blau.

Ich bin eine Zeit lang davor stehen geblieben und habe es angeschaut. Und kam schließlich auf das einzige, was mir übrigblieb an möglichem Verstehen: Dies ist ein Bild über die Farbe Blau. Ja natürlich. Darauf muss man erst einmal kommen: Ein Bild über eine Farbe zu malen. Aber dadurch wurde das Bild auf einmal schön. Was ich vor diesem Bild erlebt habe, war: Ich habe die Farbe Blau erlebt. Der Maler hat mir damit ein Erlebnis verschafft, das ich noch nie zuvor gehabt hatte. Und wo und wie sonst soll man eigentlich die Farbe Blau erleben? Oder Gelb? Oder Grün? Das war eine Erfahrung jenseits des normalen Alltags. In der normalen materiellen Welt begegnet einem so etwas nicht – nicht in dieser Form. Das war eine Erfahrung, die mir genau dieses eine Bild verschafft hat.

Und das ist es, oder das ist zumindest ein Teil dessen, was abstrakte Kunst ausmacht: eine Erfahrung jenseits des Materiellen, jenseits des Alltäglichen zu generieren. Eine Erfahrung, die innerlich in einem Menschen etwas aufschließt. Eine Erfahrung, die einen Menschen hinaushebt über das Gewöhnliche, über das Durchschnittliche, über die täglichen Mühen und Ängste, weil sie einem sagt: Es gibt noch etwas anderes. In dieser Welt kann man noch ganz andere Erfahrungen machen, Erfahrungen, die uns auf etwas Besonderes hinweisen, Erfahrungen, die etwas in uns verändern. Hier gibt es eine Verbindung von Kunst und Religion.

Ich freue mich, dass wir einige Bilder von Benedikt Werner Traut hier ausstellen können. Ich hoffe, Sie haben alle etwas davon. Benedikt Werner Traut wollte uns mit seinen Bildern an Gott und an den Glauben erinnern. Das sind die Erfahrungen, die in seine Bilder eingegangen sind und die dann in ihnen einen Ausdruck gefunden haben. Ich wünsche Ihnen Freude und einige Erlebnisse beim Betrachten.

Amen