für die Woche vom 10. bis zum 16. Mai
Predigt am Sonntag, 10. Mai, über Matthäus 6, 5-15,
von Pfarrer Hans-Helmuth Schneider
Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.
Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten:
Unser Vater im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
[Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]
Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.
Liebe Gemeinde,
in der Beziehung zu Gott, die wir haben, oder im Glauben, was dasselbe ist – denn unsere Beziehung zu Gott ist unser Glaube – in unserer Beziehung zu Gott gibt es nichts, wirklich nichts, was unsere eigene Leistung wäre. Es ist ein Geschenk und von Gott aus gesehen eine Selbstverständlichkeit, dass wir diese Beziehung zu ihm haben können: vom Geschöpf zu seinem Schöpfer, vom Kind zu seinem Vater. Denn Gott ist die Liebe. Und diese Liebe ist vollkommen offen dafür, dass wir zu ihm kommen, mit allem, was wir sind und haben. Wir können ihm gar nicht auf die Nerven gehen, so sehr liebt er uns. Unsere Sünden und unser Versagen kann gar nicht so groß und schwer sein, dass er aufhören könnte, uns zu lieben. Und weil er uns liebt, deswegen hört er auch nicht auf, sich über uns Gedanken zu machen. Und Gutes für uns zu wollen.
Jesus sagt hier wunderschöne Sätze. Zum Beispiel: Euer Vater im Himmel weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Das tröstet mich manches Mal, wenn ich das Gefühl habe, da hätte ich eigentlich auch dafür beten können. Im Zweifelsfall müssen wir nicht beten, denn das Gebet ist keine Leistung und keine Voraussetzung, mit der wir etwas verursachen könnten oder Gott überhaupt erst zum Handeln bewegen würden. Er weiß selber, wessen wir bedürfen, noch bevor wir gebetet haben.
Aber das heißt nun nicht, dass wir gar nicht mehr beten sollen. Es ist kein Missverständnis, dass wir beten. Möglicherweise hat Beten aber einen etwas anderen Sinn als wir meinen. Darauf komme ich später noch einmal zurück.
Es geht Gott nicht darum, dass wir uns Verdienste erwerben; das sagen auch die anderen Passagen des Textes. Es geht beim Beten nicht darum, dass wir vor anderen gut dastehen. Das spielt eine Rolle in einer Umwelt, in der Religiosität hoch geachtet wird. Zur Zeit von Jesus war das so. Oder macht nicht viele Worte wie die Heiden, also die Anhänger anderer Religionen, wo es darum geht, bestimmte Rituale auszuführen, bestimmte Dinge so und so zu machen, um die Götter gnädig zu stimmen. Nein, sagt Jesus, wenn du beten willst, dann reicht es, wenn du still in deinem Kämmerlein um etwas bittest. Gott wird dich hören. Gott wird es dir vergelten. Und das andere, das Jesus sagt, ist: Wenn du beten willst, dann bete doch so wie im Vaterunser. Steht da im Grunde nicht alles drin, was wichtig ist? Was braucht es darüber hinaus? So hat es, nebenbei, auch Martin Luther gesehen und gesagt: Wenn du den ganzen Tag arbeiten musst und keine Zeit hast, dich auf Gott zu konzentrieren, dann betet abends noch das Vaterunser und es ist gut so. Denn Glauben ist keine Arbeit und kein Heldentum, bei dem wir etwas vorweisen müssen. Sondern der Glaube ist die Beziehung zwischen Gott und unserer Seele. Und diese Beziehung ist den ganzen Tag da, auch wenn wir uns vielleicht nur einmal am Tag daran erinnern, indem wir beten.
Nun, und wenn wir beten – macht Gott dann, was wir wollen? Erfüllt er unsere Wünsche? Ich glaube, wir haben alle schon recht unterschiedliche Dinge erlebt auf unsere Gebete hin: Manchmal bekommen wir das, was wir erbeten haben. Manchmal tut Gott etwas anderes, was aber auch gut ist. Vielleicht stellt man das erst im Nachhinein fest. Manchmal tut er überhaupt nichts von dem, was wir wünschen, und wir verstehen ihn nicht mehr. Das ist manchmal zum Verzweifeln. Wichtig ist aber dann zunächst einmal: Es liegt nicht an unserer Leistung. Es ist nicht so, dass wir schuld sind, weil wir zu wenig gebetet haben. Das wäre furchtbar, wenn es so wäre. Aber Jesus sagt ja: Es geht nicht um die vielen Worte oder sonst eine Methode, wie man es angeblich richtig macht. Sondern ein mehr oder weniger kleines Gebet im Kämmerlein oder ein Beten des Vaterunsers, das tut bereits alles, was nötig ist. Und das kann eigentlich jeder.
Ich weiß es leider auch nicht, warum Gott manchmal so gar nicht das tut, was wir uns wünschen. Ich habe es allerdings schon öfters erlebt, dass ich nicht das bekommen habe, von dem ich in dem Moment, als ich gebetet habe, gedacht habe, dass es das ist, was das Richtige wäre. Und im Nachhinein, manchmal erst Jahre später, habe ich mir sagen können: Bin ich froh, dass ich damals nicht bekommen habe, was ich wollte. Was ich jetzt habe, stattdessen, ist nämlich viel besser. Oder durch die Schwierigkeiten, vor denen ich damals nicht einfach bewahrt worden bin, habe ich viel gelernt und das hilft mir noch heute etwas.
Ich bin überzeugt, dass es viele Beispiele gibt, die das bestätigen: Euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr bittet. Aber ich sehe auch, dass das nicht immer so kommt, jedenfalls nicht in dieser Welt und in diesem Leben, dass man sagen kann: So, wie es gekommen ist, war es letztlich doch irgendwie gut. Es gibt auch zerstörerische und böse Erfahrungen, die so gar nichts Positives mit sich bringen. Das wird Gott uns hoffentlich eines Tages erklären. Ich gehe davon aus, dass er eine Erklärung hat. Aber von hier aus gesehen bleibt mir nichts anderes übrig als darauf zu warten.
Noch einmal zurück zu dem, was Jesus empfiehlt: Wenn ihr betet, dann macht es doch so: Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe. Wie im Himmel, so auf Erden. Ich habe vorhin einmal gesagt, dass Beten vielleicht einen etwas anderen Sinn hat als wir uns normalerweise vorstellen. Bei diesen Sätzen wird mir das deutlich. Denn: Ich kann das Vaterunser zwar beten, aber: Will ich das überhaupt? Dass sein Name geheiligt wird? Dass sein Reich kommt? Dass sein Wille geschieht? Interessiert mach das eigentlich? Interessiert mich stattdessen nicht eher, dass mein Wille geschieht, dass mein Leben gut verläuft, gesund und erfolgreich und was nicht noch alles? Und sollte das denn falsch sein, dass ich das will? Nein, das ist es nicht. Denn dann kommen ja die anderen Bitten auch noch: Unser tägliches Brot gib uns heute und so weiter. Das sind die Bitten, die mich eher interessieren. Aber Voran stehen sie nicht. Voran steht, was Gott interessiert. Weil Gott weiß, wessen wir bedürfen. Weil sein Wille für uns das Richtige ist.
Was wäre, wenn wir das Vaterunser so beteten, dass wir tatsächlich um das Kommen des Reiches Gottes bitten oder darum, dass eben sein Wille geschieht? Würde das etwas verändern? Ich glaube schon. Es könnte bedeuten, dass wir unseren eigenen Willen mehr in Übereinstimmung mit Gott bringen. Es könnte bedeuten, dass unser Vertrauen in unseren Vater im Himmel wächst und größer wird. Und wiederum: Hier geht es nicht darum, dass wir eine Leistung vollbringen. Es geht auch nicht darum, dass wir uns selber klein machen oder verleugnen, als ob es auf uns ja überhaupt nicht ankäme. Denn es kommt auf uns an. Darum auch die zweite Hälfte der Bitten, die allesamt Bitten für uns selber sind. Aber ich glaube, es gibt eine durchaus gesunde und gute Weise, in der uns der Glaube dabei hilft, auch einen gewissen Abstand zu uns selber, zu unseren eigenen Wünschen und vielleicht zur Welt insgesamt zu bewahren. Indem wir uns Gott so anschließen, dass wir sagen: Ich allein bin ja noch nicht alles. Diese Welt allein ist ja noch nicht alles. Es gibt doch noch mehr – noch viel mehr. Und das erkennen wir an. Davor verneigen wir uns. Dafür danken wir Gott. Und das hat viel mit Freiheit zu tun, mit einer Freiheit, wie Gott sie uns schenken will.
Amen
