für die Woche vom 28. bis zum 4. Juli
Predigt am Sonntag, 28. Juni, über Römer,12,17-21von Pfr. Walter Neunhoeffer
Liebe Gemeinde,
in seinem Brief an die Gemeinde in Rom begegnet uns das, was für den Apostel Paulus grundsätzlich wichtig ist, nämlich dass uns in Jesus Christus Gott selbst begegnet. Paulus ist sich sicher, dass wir auf Gottes Liebe zählen dürfen, und zwar immer, und dass sich Gott von dieser Liebe durch nichts abbringen lässt.
Diese Liebe zeigt sich für Paulus vor allem darin, dass Jesus lieber den Tod auf sich nimmt als seine Botschaft zu widerrufen, die Botschaft der Barmherzigkeit und der Vergebung und dass sich Gott den Schwachen, den Verfolgten, denen, die am Rand stehen, zuwendet.
Paulus weiß aber auch, dass das Grundsätzliche Auswirkungen auf das Leben haben muss, ja dass man sogar Grundsätzliches vergessen kann, wenn es im Leben nicht konkret wird. Hören Sie eine Konkretion des Glaubens aus dem 12. Kapitel des Römerbriefes:
„Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.
Segnet, die euch verfolgen; segnet, und verflucht sie nicht. Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug.
Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln«. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Römer 12,17-21)
Wie kann ich angesichts von Bösem, von Anfeindungen, von Verspottung, von der Erfahrung, dass das Gute keinen Platz hat, dem Glauben ganz konkret Ausdruck verleihen?
Die Idee des Paulus ist, dem Bösen nicht immer mehr Raum zu geben, sondern dem Bösen etwas entgegenzusetzen. Seine Idee lautet: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
5 Jugendliche des diesjährigen Konfirmandenjahrganges haben sich von dieser Idee anstecken lassen und sich diesen Vers als Konfirmationsspruch ausgesucht. Offensichtlich hat diese Idee eine hohe Attraktivität. Dem will ich ein wenig nachgehen. Dabei sind mir 3 Aspekte wichtig geworden.
Der erste Aspekt: Paulus malt sich die Wirklichkeit nicht schön, sondern er weiß: Es gibt das Böse. Ich bin immer wieder erschüttert, wozu Menschen fähig sind, wie das einzelne Menschenleben bei manchen gar keinen Wert hat und wie im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gegangen wird, wenn es dem eigenen Profit dient.
Das Böse begegnet uns aber auch in Gleichgültigkeit. Es kann sich ja nur ausbreiten, weil Menschen nicht ihren Mund aufmachen und lieber wegschauen. Opfer von Diskriminierung und Missbrauch leiden unter den Tätern, aber auch unter denen, die wegschauen, es nicht wahrhaben wollen oder verharmlosen.
Der zweite Aspekt:
Paulus weiß, dass es das Böse gibt und weiß von sich selbst, wie sehr man gefährdet ist, dem Bösen auch in sich Raum zu geben. Wenn Kinder etwas anstellen, dann sagen sie gerne: „Die anderen machen das auch!“ Als Erwachsene sind wir oft nicht anders. Gerade wenn es um den eigenen Vorteil geht, sind wir gerne bereit, Kompromisse mit unseren eigenen Überzeugungen zu machen, gerne mit dem Hinweis, dass die anderen das doch auch machen.
Die Mahnung des Apostel Paulus, sich nicht vom Bösen überwinden zu lassen, ist auch die Erfahrung, dass man sich dem Bösen gegenüber sehr ohnmächtig fühlt und dann lieber den Kopf in den Sand steckt.
Der dritte Aspekt:
Paulus meint, dem Bösen muss man etwas entgegensetzen: „Überwinde das Böse mit Gutem!“ Gib dem guten eine Chance. Gib dem Guten Raum in Deinem Leben, denn so bekommt es auch Raum in dieser Welt.
Ich bin nach wie vor von der Organisation parents circle begeistert. In dieser Organisation haben sich israelische und palästinensische Eltern vereint, die ein Kind durch einen Gewalt- oder Terrorakt der jeweils anderen Seite verloren haben. Ich hatte das Glück bei einer Reise nach Israel und Palästina im Jahr 2022 zwei Personen dieser Organisation kennenzulernen. Ich denke an den israelischen Vater, dessen 14jährige Tochter beim Shoppen in der Stadt von einem Selbstmordattentäter mit in den Tod gerissen wurde. Und ich denke an eine junge palästinensische Mutter, deren 6 Monate altes Baby bei einem Militäreinsatz im Westjordanland von Tränengas getroffen wurde und die dann 4 Stunden von einem Grenzsoldaten festgehalten wurde, so dass ihr Baby in ihren Armen starb und nicht ins Krankenhaus kommen konnte, wo ihm geholfen worden wäre.
Die Eltern, die das Schlimmste erfahren haben, was Eltern erfahren können, sind überzeugt, dass der Hass nur noch größer wird, wenn sie sich ihm hingeben würden, was man auch gut verstehen könnte. Dagegen vereinen sie sich in ihrem Schmerz, kämpfen gemeinsam für Frieden, um dem Hass etwas entgegenzusetzen.
„Überwinde das Böse mit Gutem!“
Das versucht auch eine Frau, die in ihrem Betrieb einfach nicht mitmacht, wenn gelästert wird, wenn Gerüchte verbreitet werden, wenn schlecht über andere geredet wird. Sie ist in dieser Beziehung eine echte Spaßbremse. Die Folge ist: Bei ihr wird nicht mehr gelästert. Bei ihr wird nicht mehr schlecht über andere geredet und bei ihr überlegt man ganz genau, ob das wirklich stimmt, was man sagt.
Die Folge ist auch, dass man ihr etwas anvertraut und ihr vor allem vertraut, dass sie nichts gegen einen verwenden wird.
Natürlich wird in ihrem Betrieb weitergelästert, auch weiterhin über andere schlecht geredet und weiterhin Gerüchte verbreitet. Doch bei ihr hat man einen Schutz- und Freiraum.
Ich stelle mir vor, dass das ein Markenzeichen von uns Christen wäre: Mit uns kann nicht gelästert werden und durch uns werden keine Gerüchte weiterverbreitet. So manches Böse hätte keine Chance mehr.
Es gibt Möglichkeiten, große und scheinbar kleine, um dem Guten Raum zu geben. Davon sind zumindest die Jugendlichen überzeugt, die sich diesen Vers als Konfirmationsspruch ausgesucht haben. In den letzten vier Jahren wurde dieser Vers immer beliebter als Konfirmationsspruch. Vielleicht weil die Jugendlichen spüren, dass wir in einer Zeit leben, in der die Welt den Mut braucht, dem Guten Raum zu geben.
Ob die Jugendlichen sich von Jesus Christus begeistern ließen, der am Guten, auch am Guten eines jeden einzelnen Menschen, festhält, allen Widerständen zum Trotz.
Für Paulus ist es etwas sehr Grundsätzliches, dass Gott an der Welt festhält und an ihrer Fähigkeit zum Frieden im Großen und Kleinen, deshalb.
„Lass dich nicht überwinden vom Bösen, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Amen.
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