Wochenandacht

für die Woche vom 11. bis zum 15. August


Predigt am Sonntag, 11. August, über Römer 11, 25-32,
von Pfarrerin Michaela Wüst

Liebe Gemeinde,

was ist das liebste Wort von kleinen Kindern, wenn sie die Welt entdecken?

„Warum?“ Und das ist gut so! 
Verstehen wollen, sich nicht mit einfachen Antworten abgeben und auch, dass was nicht schlüssig ist zu hinterfragen, unterscheidet uns Menschen eben von anderen Lebewesen.

Was wir mit unserem Verstand aber nicht begreifen können, das macht uns zuweilen auch Angst. 
Vielleicht ist das so, weil wir merken, dass wir es mit etwas zu tun haben, das größer ist als wir selbst, das wir nicht beherrschen können. Wenn es auf das „Warum?“ keine Antwort gibt, ist das schwer auszuhalten.

Und damit sind wir schon ganz nahe dran an dem Thema, das Paulus zu seiner Zeit beschäftigt hat:

Warum glauben manche Juden – seine eigenen Landsleute und Glaubensgeschwister – seiner Botschaft von Jesus nicht?

An dieser Frage hat Paulus persönlich sehr gelitten!

Im Brief an die Gemeinde in Rom macht er seiner Traurigkeit darüber offen Luft.

Gleichzeitig betont er unablässig, dass Gott die Erwählung seines auserwählten Volkes, den Bund, den er mit den Vätern geschlossen hat, niemals widerrufen wird – ob sie nun an Jesus als den Messias glauben oder nicht, komme, was wolle.

Aber er macht auch deutlich, dass nichtjüdische Christen – wie auch wir es heute sind – den Juden, die nicht an Jesus glauben, nicht überheblich und arrogant begegnen sollen.

Beim Lesen des Römerbriefs spürt man regelrecht, wie Paulus um eine Antwort auf seine Frage ringt. Sein langes Ringen schließt er dann mit einem regelrechten Lobpreis an den Willen Gottes, der sein Versprechen, das er Israel einmal gegeben hat, für immer hält, ab. 
Hören wir, was Paulus an die Gemeinde in Rom im 11. Kapitel schreibt:

25 Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist. 26 Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: »Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob. 27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.« 28 Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. 29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. 30 Denn wie ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, 31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. 32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. 

Spannend finde ich gleich die Einleitung dieses Abschnitts: Paulus sagt, er möchte den Christusgläubigen in Rom nicht etwas erklären, sondern ihnen ein „Geheimnis“ mitteilen. Ein Mysterion, steht dort im Griechischen. 
Mysterion ist in der späteren christlichen Theologie zu einem festen Begriff geworden, der die geheimnisvolle Gegenwart Jesu im Abendmahl beschreibt. 
Ein Geheimnis, ein Mysterion, das man nicht erklären, sondern nur erfahren kann.

Und genau das ist die Überschrift, die Paulus über alles Weitere setzt: Ich erzähle euch nun von Gottes Geheimnis, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet!

Wie oft haben nichtjüdische Christen in der Kirchengeschichte diese Aufforderung des Paulus, sich selbst nicht für klug zu halten, mit Füßen getreten, und meinten, dass sie ein Recht dazu haben, Juden den Weg zu Gott zu weisen, die doch schon viel länger im Bund mit Gott stehen?

Aber die Wahrheit ist: Das Judentum könnte auch ohne Christentum weiter existieren, ohne Judentum hätte es jedoch umgekehrt das Christentum gar nicht erst gegeben.

 

Die Kirchen haben bei der Aufarbeitung der christlichen Judenfeindschaft nach dem Holocaust zwar schon große Schritte gemacht, doch dieser Prozess muss immer weiter gehen. Und er muss vor allem glaubhaft mit Leben gefüllt werden, bis in die Mitte der Gesellschaft hinein. Das Zelt der Religionen, hier in Bamberg ist dafür ein wunderbarer Ort, wo Menschen miteinander über ihren Glauben, ihre Religion ins Gespräch kommen.

Auch, weil Judenfeindschaft sich wieder ausbreitet, die übersieht, dass der Staat Israel nicht mit dem jüdischen Volk gleichzusetzen ist. Aber auch eine moralisch begründete Ablehnung des Staates Israel stellt wiederum die Existenz der Zufluchtsstätte der Holocaustüberlebenden und ihrer Nachkommen infrage. Ein Thema das auch mehr Fragen aufwirft, als es Antworten gibt.

Paulus fährt in seinem Brief an die Gemeinde in Rom fort: Wenn sich der Messias am Ende der Zeit zeigen wird, auf dessen Ankunft wir Christen ja schließlich ähnlich wie die Juden warten, dann wird „ganz Israel“ gerettet werden. Und mit „ganz Israel“ meint Paulus ausdrücklich auch die Jüdinnen und Juden, die nicht glauben, dass Jesus der Messias ist. Sowohl die Tatsache, dass Juden nicht an Jesus als den Messias glauben, als auch die Errettung von “ganz Israel” versteht Paulus als Teil von Gottes Plan, seinem Geheimnis, seinem Mysterion.

Aber nicht heute, sondern erst in Zukunft wird sich dessen tiefer Sinn entfalten. Dann können wir, so hoffe ich, erkennen, dass hinter all den Differenzen zwischen Christen und Juden der eine Gott mit seinem einen guten Plan für alle Menschen aus allen Völkern steht.

Letztlich sind wir sind uns ja „nur“ in der Frage uneinig, ob der Messias schon einmal da war oder nicht. Und so können wir mit Paulus auf ängstliche Gleichmacherei verzichten.

Und dass Jüdinnen und Juden unseren Glauben an Jesus nicht teilen – das ist für mich eine Bereicherung und Chance, in der Begegnung miteinander noch etwas Neues auch über mich selbst und meinen Glauben zu lernen.

Im Evangelium haben wir gehört, dass der jüdische Schriftgelehrte und Jesus bei der Frage nach dem höchsten Gebot sich einig waren: Höre Israel, der Herr unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst deinen Gott lieben. Und du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.

Ich finde, aus dieser Haltung heraus, der Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe, können wir zusammen mit Jüdinnen und Juden das Mysterion, das Geheimnis von Gottes unfassbarer und lebendiger Liebe zu allen Menschen, in die Gesellschaft tragen.

Als Christen und Juden haben wir in dieser Welt eine gemeinsame Aufgabe, weil wir beide an den einen Gott gebunden sind. Und wenn wir dabei an dem Glauben an Gottes Treue zu Israel festhalten, so wie Paulus es einfordert, dann stärkt das gleichzeitig unseren Glauben an Gottes Treue zu uns Christen.

Auf einen Gott zu hoffen, der niemals wortbrüchig wird, der sein Erbarmen über Juden und Christen gleichermaßen ausgießt, stärkt auch unseren Glauben daran, dass Gott auch zu uns barmherzig und treu ist.

Wenn Paulus heute leben und seine Worte aus dem Predigttext an uns richten würde – vielleicht würden sie etwa so klingen:

Haltet euch nicht für klug. Gott ist ein lebendiges Geheimnis und passt nicht in euren kleinen Verstand. Er weiß genau, was er tut, und manches werdet ihr erst in Zukunft verstehen. Urteilt nicht über Jüdinnen und Juden, die mit Gott schon lange im Bund sind. Er lässt sie niemals

fallen, so, wie er auch uns Christinnen und Christen nicht fallen lässt.

Seid nicht überheblich. Niemand ist vor Gott perfekt. Wir sind alle auf dem Weg und müssen lernen. Miteinander, voneinander, für uns selbst.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne, in Christus Jesus.

Amen.