Wochenandacht

für die Woche vom 12. bis zum 18. April


Predigt am Sonntag, 12. April, über Jesaja 40, 26-31,
von Pfarrer Hans-Helmuth Schneider


Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

 

Liebe Gemeinde,

 Immanuel Kant war ein großer Philosoph. Er wollte den Glauben an Gott nicht abschaffen, aber mit Hilfe der Vernunft in seine Schranken weisen. Was er als Begründungen für die Existenz Gottes akzeptiert hat, hat er in seinen berühmten Satz gefasst, dass ihn zwei Dinge seit jeher mit Staunen erfüllt hätten: der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.

Neu ist diese Idee nicht gewesen, weder damals noch ist sie es heute. Über den Himmel haben die Menschen wahrscheinlich schon gestaunt, seit es sie gibt. Und so sagt auch Jesaja in diesem Text: Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt das Heer der Sterne vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen. Mit anderen Worten: Weißt du, wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt? Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl.

Nun wissen wir, nicht zuletzt durch die Reformation, dass Gott sich uns in erster Linie in seinem Wort zeigt, im Wort der Bibel und in allen anderen Worten, die uns die Botschaft des Evangeliums nahebringen. Das stimmt schon und ist im Zweifelsfall wichtig, weil man damit Orientierung gewinnt über das, was Gott uns wirklich sagen will und was nicht. Wenn man sich von der Botschaft des Evangeliums entfernt, also von Jesus Christus und von dem, was er für uns getan hat, das heißt, wenn man Gott überall sucht, bloß nicht in der Botschaft des Evangeliums, dann kann man auch zu allen möglichen Vorstellungen über Gott kommen, aber die Chance, dass sie vielleicht nicht gleich falsch, aber zumindest einseitig sind oder unvollständig sind, ist dann ziemlich groß. Deswegen ist man besser dran, wenn man im Zweifelsfall immer wieder zurückkommt zu der großen Botschaft von der Liebe Gottes, die Jesus zu uns gebracht hat.

Aber dennoch ist es nicht verkehrt, wenn man Gott auch anderswo sucht. In der Natur, ja, warum nicht? Die Größe des Sternenhimmels gibt uns einen Eindruck davon: Wie groß muss erst Gott sein, der das alles geschaffen hat? Und die heutige Naturwissenschaft erklärt uns viele Dinge so, dass wir mittlerweile wissen: Der Himmel ist sogar noch viel größer und die ganze Welt mit ihren Geheimnissen der Materie ist noch viel komplexer, als man es sich früher vorgestellt hat. Ja, wie groß muss dann erst Gott sein?

Ein paar Nummern kleiner geht es auch: Wenn ich Gott finden will, dann gehe ich in den Wald. Das sagen manche Leute, wenn sie dem Pfarrer sagen wollen: In die Kirche gehen mag ich nicht. Natürlich kann man Gott auch im Wald begegnen. Man kann ihm überall begegnen, letztlich - nicht nur in der Natur, auch in der Stadt, auf der Autobahn, im Kino oder zu Hause. Aber was man da erlebt oder erkennt, darf man trotzdem nicht einfach zum einzigen Maßstab machen, sondern man sollte es nach Möglichkeit ins Verhältnis setzen zur Botschaft des Evangeliums. Wir wissen alle, zum Beispiel, dass die Natur auch grausam ist. Da fressen viele viele andere auf. Auch wenn das alles einen Sinn haben mag für die Evolution, sollte man daraus nicht einfach ableiten, dass Gott halt einfach grausam ist. Auch wenn die Welt keine Idylle ist, sondern manchmal das genaue Gegenteil davon: Was wir aus der Bibel über Gott wissen, sagt uns, dass Gott sich gerade in diese Welt des Fressens und Gefressenwerdens hineinbegeben hat und sich darin selbst geopfert hat, um die Regeln der Gewalt und des Todes ein für alle Mal zu überwinden. Daran zeigt sich seine Liebe. Das ist das Gegenteil von Grausamkeit. Daran sollen wir uns halten, das ist die Hoffnung, die Gott uns geben will.

Jesaja redet nun aber nicht über den Himmel, weil er sich abstrakte Gedanken über eine mögliche Existenz Gottes machen will. Sondern ihm geht es eben darum, dass wir tatsächlich wegen Gott eine Hoffnung entwickeln. Das sagt uns der Himmel nicht direkt, aber er unterstützt uns dabei. Warum sprecht ihr denn: Mein Weg ist dem Herrn verborgen, mein Recht geht an Gott vorüber? Das soll heißen: Warum habt ihr die Hoffnung aufgegeben? Naja, weil von ihr halt nichts zu sehen ist, würden seine Zuhörer wohl antworten. Im konkreten Fall Jesajas saßen sie schon seit ein paar Jahrzehnten im Babylonischen Exil und konnten sich einfach nicht mehr vorstellen, dass sich das jemals wieder ändern würde. Und ja, es ist tatsächlich so: Auf manche Sachen muss man lange warten, vielleicht ein Leben lang, vielleicht darüber hinaus. Aber die nächste Generation erlebt dann doch ein Wunder. Gott denkt anscheinend immer wieder auch in langen Zeiträumen, in Zeiträumen, vor denen ein einziges Menschenleben relativ klein ist. Das kann passieren.

Aber noch einmal Jesaja: Warum habt ihr die Hoffnung aufgegeben? Naja, weil von ihr halt nichts zu sehen ist, antwortet man ihm. Und Jesaja sagt darauf: Ist das so? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? – Das ist sprachlich recht schön, ganz zart irgendwie, und inhaltlich ist es noch schöner. Ja woher sollen wir denn hören? Woher sollen wir denn wissen? Hebt die Augen auf und seht! Wer hat all dies geschaffen? Ja, auch Jesaja sagt es hier: Wie groß muss erst Gott sein, der das alles geschaffen hat, den Himmel und sein Sternenheer? Welche Kräfte sind bei ihm am Werk? Glaubt ihr, Gott wird jemals müde, so wie wir Menschen müde werden? Glaubt ihr, er kennt die Sterne nicht, die er doch alle gemacht hat? Natürlich kennt er sie alle mit Namen. Wie könnt ihr dann glauben, dass er euch vergessen könnte? Dass ihr ihm egal seid? Ihr Menschen, die ihr ihm von allen seinen Geschöpfen doch die wichtigsten seid, doch die wertvollsten seid? Gebt die Hoffnung auf ihn nicht auf; eines Tages werdet ihr wieder wandeln und nicht mehr müde sein; werdet ihr wieder auffahren mit Flügeln wie Adler.

Jesaja sprach zu einer Generation, die einige Zeit später tatsächlich wieder aus dem Babylonischen Exil nach Israel zurückkehren durfte, in die alte Heimat. Nicht alle haben es mehr erlebt, die einmal verschleppt worden waren, manche wurden alt und starben, bevor die Hoffnung sich erfüllte. Das ist traurig, aber es war trotzdem richtig, die Hoffnung zu behalten. Wenn wir auf Gott hoffen, dann wird sich diese Hoffnung auch bewahrheiten. Denn bei Gott sind andere Kräfte am Werk als bei uns auf der Erde allein. Denn bei Gott ist ein anderer Verstand am Werk als bei uns Menschen allein. Sein Verstand ist unausforschlich, auch das sagt Jesaja. Unausforschlich heißt, dass wir nicht alles verstehen, was er tut. Es bedeutet aber nicht, dass er seine Zusagen, die er einmal gegeben hat, widerruft, wenn es ihm beliebt. Sondern wenn er uns etwas bekannt macht, an das wir glauben sollen, auf das wir hoffen sollen, dann bleibt er dabei bis in Ewigkeit. Wenn er uns etwas bekannt macht – das heißt für uns, anders als zu den Zeiten Jesajas – das heißt für uns: Wenn er uns etwas durch Jesus Christus bekannt gemacht hat, dann bleibt er auch dabei bis in Ewigkeit. Die Liebe des Vaters zum Verlorenen Sohn. Die Vergebung der Sünden. Das ewige Leben. Das sind Dinge, die wir bereits jetzt in Teilen erleben. Das sind aber auch Dinge, auf die wir für die Ewigkeit hoffen, für ein Leben nach dem Tod und jenseits dieser Welt. Diese Dinge sagt uns nicht einfach der gestirnte Himmel. Diese Dinge sagt uns Gott durch sein Wort. Aber der gestirnte Himmel kann sie hervorragend ergänzen, indem er uns sagt: Um wie viel größer ist nicht Gott als wir Menschen, ja als die Welt, als das ganze Universum? Und weil er so viel größer ist, darum kann er es auch: seine Versprechen einhalten. Darum ist die Hoffnung auf ihn nicht vergeblich und wird sie niemals vergeblich sein.

Amen