für die Woche vom 20. bis zum 26. September
Predigt am Samstag, 19. September, im ökumenischen Gottesdienst in St. Elisabeth
von Vikar Ferdinand Billharz
Es wird Herbst ... in der Gesellschaft
Liebe Gemeinde, ich habe Ihnen heute mal was mitgebracht: Blätter, Kastanien. Es kündigt sich an. Es wird Herbst. Mal wieder. So wie jedes Jahr. Und es ist keine Überraschung. Der Sommer geht irgendwann vorbei. Der Herbst kommt. Irgendwann wird es Winter. Und dann im Frühjahr, so heißt es in dem schönen Kinderlied, fängt alles wieder von vorne an.
Ich habe aber gerade das Gefühl, dass es nicht nur in der Natur in unserer Region Herbst wird, sondern auch in unserer Gesellschaft. Es fühlt sich an, als kämen wir aus einem langen, guten Sommer. Aber die Signale werden nicht erst seit gestern grauer. Kriege, die nicht enden. Ein Land, das sich in Lager spaltet und kaum noch miteinander redet. Eine Erde, die aus dem Takt gerät.
Und ehrlich: Auch in mir war diese Woche so ein Herbsttag. Ein Tag, an dem ich mehr Hoffnungslosigkeit als Hoffnung verspürte. Und ich merke es bei den Jugendlichen. Seit ich in Bamberg bin, haben sie auffällig oft ein Thema gewählt, wenn sie frei wählen durften: Hoffnung. Ich hab's nie vorgeschlagen.
Im Kalender der Gedenktage für Heilige feiern wir heute Januarius. Januarius war Bischof von Benevent, also in Italien, und hat um das Jahr 300 gelebt. Das war eine Zeit, als es für Christen und Christinnen auch Herbst war, wahrscheinlich sogar Winter. Es war die Zeit der Christenverfolgung, als von außen die Kirche unter extremem Druck stand. Dieser Januarius ist deshalb im Heiligenkalender, weil er dem Wind nicht nachgegeben hat, sondern seinen Glauben auch dann gelebt hat, als es ihm verboten war. Er wurde dabei gefasst und musste als Märtyrer sterben.
Wie gut, dass wir nicht die Ersten sind, die sich im Herbst befinden. So spricht doch schon die Bibel von Hoffnung und von der Erfahrung, dass die Welt nicht immer nur gut ist. Besonders sehen wir das in den Klageliedern. Sie sind entstanden, als Jerusalem zerstört war. Um 587 vor Christus – die Babylonier hatten die Stadt eingenommen, den Tempel niedergebrannt, die Oberschicht verschleppt. Wer da noch lebte, saß in den Trümmern. Das ist kein Herbst mehr, das ist Winter. Und aus diesen Trümmern heraus schreibt jemand fünf Lieder. Vier davon sind reine Klage. Aber mitten im dritten, mitten in der Dunkelheit, steht plötzlich das hier:
19 Gedenke doch, wie ich so elend und verlassen, mit Wermut und Bitterkeit getränkt bin! 20 Du wirst ja daran gedenken, denn meine Seele sagt mir's. 21 Dies nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch: 22 Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, 23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. 24 Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. 25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. 26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.
Wir hören: Wir sind nicht die Ersten, die in schwierigen Zeiten leben. Der Mann, der das schreibt, fühlt sich elend und verlassen. Wermut und Bitterkeit – das sind seine Bilder. Und ein paar Verse vorher sagt er sogar: Gott selbst hat mich ins Dunkel gelegt. Er redet nichts schön. Und trotzdem – das ist das Wort, um das sich alles dreht – trotzdem sagt er: Die Güte des Herrn ist's, dass wir nicht gar aus sind.
Er hofft nicht auf bessere Umstände. Er hofft auf Gottes Treue, jeden Tag wieder. Es sind nicht die Umstände, die sich ändern, sondern es ist die Treue, die bleibt. Diese Treue hat für uns einen Namen: Jesus Christus, der selbst durchs tiefste Dunkel gegangen ist – durch den Tod – und der lebt. Und genau da liegt der Unterschied, um den es mir heute Abend geht.
Ich behaupte: Es gibt zwei Arten von Hoffnung. Die eine ist so ein billiges Auf-die-Schulter-Klopfen: Mach dir keine Sorgen, das wird schon wieder gut. Ich glaube, diese Art von Hoffnung hält in einem Herbst nicht und erst recht nicht in einem Winter. Meine Jugendlichen merken sofort, wenn ich sie damit abspeise. Genau deshalb fragen sie auch immer wieder nach.
Aber es gibt eine andere, tragfähigere Hoffnung. Die klingt vielleicht so: Es schaut gerade nicht gut aus. Ich mache mir Sorgen um die Welt, und das darf ich auch. Aber trotzdem gebe ich nicht auf, weil ich weiß, dass ich nicht allein bin, weil ich gehalten bin, egal wie es ausgeht. Das ist das Dennoch der Klagelieder. Diese Hoffnung macht nicht blind für das Dunkel in der Welt. Sie macht die Augen auf für das Licht, das trotzdem da ist.
Ich glaube nicht, dass Gott irgendwo hinter den Wolken sitzt. Ich glaube, seine Treue hat Hände und Gesichter. Wenn ich nachdenke, wo ich etwas von dieser Treue spüre, dann nehme ich Lichter wahr. Für mich sind das Menschen – bei denen ich mein Herz ausschütten darf, die ein gutes, ehrliches Wort für mich haben oder manchmal auch sprachlos sind und trotzdem zuhören, die vielleicht einfach eine Hand aufhalten, in die ich meine hineinlegen kann.
Und ehrlich gesagt: Ich sehe auch heute Abend eines dieser Lichter. Wir leben es jetzt gerade. Unsere Kirchen waren einmal eins. Dann haben sie sich über Glaubensfragen – und um Macht – so zerstritten, dass daraus Kriege wurden. Dreißig Jahre lang haben sich Christen in Europa bekämpft und gegenseitig umgebracht. Januarius wurde von außen verfolgt. Wir Kirchen haben uns von innen zerfleischt. Und heute darf ich als evangelischer Vikar in einer katholischen Kirche neben einem katholischen Kollegen feiern. Wir feiern miteinander und teilen gleich ein Mahl. Nicht, weil jetzt die Unterschiede alle weg sind. Aber weil wir merken, dass sie uns nicht trennen müssen. Für mich ist das eines der hellsten Lichter heute Abend.
Ich bin mir sicher, dass auch Sie in Ihrem Leben viele kleine Lichter wahrnehmen, manchmal hellere, manchmal nicht ganz so helle. In der Evangeliumslesung heute Abend haben wir gehört: Ihr seid das Licht der Welt. Aus eigener Kraft können wir das nicht stemmen. Aber weil wir wissen, dass wir zuerst gehalten sind, dass wir wahrnehmen, wo Lichter uns geschenkt sind, können auch wir Lichter für andere werden. Auch wir können zuhören. Auch wir können eine Hand halten und bei Menschen bleiben, die es schwer haben.
Das erlebe ich bei den Jugendlichen, mit denen ich arbeite. Aber genauso bei Erwachsenen, bei kranken und bei alten Menschen, die mir begegnen – Zuhören und Dableiben kennen kein Alter.
Für mich persönlich gilt das ganz besonders für meinen Glauben selbst. Er ist mir ein Licht – er gibt mir oft erst die Kraft, für andere da zu sein. Deshalb will ich das Licht, das für mich oft im Dunkeln sehr hell scheint, nicht für mich behalten, sondern andere daran teilhaben lassen und ihnen die Möglichkeit geben, dieses Licht selbst zu entzünden.
Nehmen Sie sich doch gleich, nach der Predigt, einen Moment Zeit und denken Sie an ein Licht in Ihrem Leben: an eine Person, eine Begegnung, einen Satz, der Sie durch einen Herbst getragen hat. Schreiben Sie es auf – Sie haben Zettel und Stifte. Und vielleicht haben Sie den Mut, in der nächsten Woche auf diesen Menschen zuzugehen und zu sagen: Du warst ein Licht für mich. Ich glaube, Sie werden merken: In dem Moment, wo Sie das aussprechen, werden Sie auch selbst zu einem Licht.
Nein, das ändert nichts daran, dass es Herbst wird. Ob und wann der Frühling kommt – das weiß ich nicht, und ich kann es Ihnen auch nicht versprechen. Aber ich weiß, an wen ich mich halte: an die Treue, die alle Morgen neu ist, auch mitten im Winter.
Amen.
